Bibliotheksservice-Zentrum (BSZ) Baden-Württemberg // Südwestdeutscher Bibliotheksverbund
Rezension aus:
Informationsmittel für Bibliotheken (IFB) 7(1999) 1/4
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Duden, Rechtschreibung der deutschen Sprache


99-1/4-485
Duden, Rechtschreibung der deutschen Sprache / [red. Bearb.: Werner Scholze-Stubenrecht und Matthias Wermke in Zsarb. mit Günther Drosdowski und unter Mitwirkung weiterer Mitarb. der Dudenredaktion in Mannheim und Leipzig sowie des österreichischen und schweizerischen Dudenausschusses]. - 21., völlig neu bearb. und erw. Aufl. / hrsg. von der Dudenredaktion auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln. - Mannheim [u.a.] : Dudenverlag, 1996. - 910 S. ; 20 cm. - (Der Duden ; 1). - ISBN 3-411-04011-4 : DM 38.00, DM 30.00 (bei Rückgabe der alten Auflage)
[3509]
99-1/4-486
Duden, Die deutsche Rechtschreibung [Computerdatei] : zwei komplette Duden-Bände auf einer CD-ROM. - 21. Aufl., auf der Grundlage der neuen amtlichen Rechtschreibregeln, 20. Aufl., die bisherigen Regeln und Schreibungen, Software für Windows, Version 1.1. - Mannheim [u.a.] : Dudenverlag, 1996. - 1 CD-ROM. - (PC-Bibliothek). - ISBN 3-411-06701-2 : DM 78.00
[3510]
99-1/4-487
Duden, Der Konverter zur neuen deutschen Rechtschreibung [Computerdatei]. - Mannheim [u.a.] : Dudenverlag, 1997. - 1 CD-ROM in Behältnis. - ISBN 3-411-06963-5 : DM 98.00 (unverbindliche Preisempfehlung)
[4083]

Wesentlich konsequenter ist die neue Rechtschreibung im Duden durchgeführt, der etwa sieben Wochen später erschien. Ein Jahr zuvor mußte eine unbekannte Zahl von Dudenbänden wieder eingestampft werden, nachdem das bayerische Kultusministerium eine geringfügige Änderung der bereits beschlossenen Regeln durchgesetzt hatte. Diese Vorgänge bedürfen noch der Aufklärung (vgl. das dieser Besprechung voranstehende Motto). Die neue Bedächtigkeit der Dudenredaktion hat sich im großen und ganzen gelohnt, auch wenn die reformierte Lede (statt wie bisher Lehde) noch aus der früheren, seither verworfenen Reformvorlage übernommen ist.

Der Rechtschreibduden bedarf etwas näherer Betrachtung, weil er nicht nur der Auflagenhöhe nach die Konkurrenz inzwischen weit hinter sich gelassen hat, sondern auch innerhalb des Verlagskonzerns das orthographische Leitwörterbuch ist. Die Auswirkungen können gar nicht überschätzt werden, da der Konzern in orthographischen Dingen gewissermaßen eine Strategie der verbrannten Erde befolgt. Alle lexikographischen Werke von Langenscheidt, Meyer, Brockhaus, dem Bibliographischen Institut und Duden werden mit erstaunlicher Geschwindigkeit auf die Neuschreibung umgestellt, während beispielsweise Bertelsmann sein vielgekauftes Universallexikon weiterhin in der bisherigen Rechtschreibung erscheinen läßt. Darin dürfte sich eine unterschiedliche Einschätzung der Zukunftsaussichten dieser Reform widerspiegeln. In der Tat ist es äußerst leichtsinnig, ein repräsentatives Unternehmen wie die große Brockhaus-Enzyklopädie[1] durch Umstellung auf die neue Rechtschreibung zu gefährden, die ja auf jeden Fall nur eine Übergangsschreibung darstellt und schon bald allgemein als lächerliche Verirrung durchschaut werden wird.

Nach bewährtem Brauch der Duden-Richtlinien ist dem eigentlichen Wörterverzeichnis eine allgemeinverständliche, alphabetisch geordnete Fassung der reformierten Rechtschreibregeln vorangestellt, die durchaus von der hohen Kompetenz der Redaktion zeugt. Die neuen Richtlinien, auf die das Wörterverzeichnis ständig Bezug nimmt, umfassen wie bisher auch Regeln zur Grammatik. Die Numerierung der Richtlinien ist, bei etwa gleichem Gesamtumfang, von 212 auf 136 reduziert worden. In einer internen Anweisung an die Mitarbeiter heißt es dazu: "Die inhaltlich falsche, aber politisch wirksame Formel 'aus 212 mach 112' muß auch im Duden ihren angemessenen Ausdruck finden." Die Dudenredaktion bekennt sich also zur Mitwirkung am sofort durchschauten Täuschungsmanöver der Kultusminister.

Die Redaktion weiß selbstverständlich, daß die Neuregelung unbrauchbar ist, versucht aber, das Beste daraus zu machen. In diesem Bestreben hat sie auch dort nach einer sinnvollen Lösung gesucht, wo das Regelwerk eigentlich keine zuläßt. So wird im Widerspruch zu den grammatischen Tatsachen behauptet, bei Substantivierung von dabei gewesen, zuletzt genannt usw. trete Zusammenschreibung ein; so werden zwar die Dabeigewesenen und das Zuletztgenannte gerettet, aber um den Preis eines klaren Verstoßes gegen die Regeln, die auch in ihrer Neufassung einen solchen Übergang nicht zulassen. Ebenso wäre die Substantivierung des neuerdings getrennt zu schreibenden allein stehend eigentlich allein Stehende; Duden läßt jedoch auch die Alleinstehenden zu, offenbar in Analogie zu den Alleinerziehenden, die mit ganz wenigen ähnlichen Fällen als erratische Einzeleinträge ohne jeden Regelbezug im amtlichen Wörterverzeichnis stehen. Eine solche Analogie, so sinnvoll sie erscheint, ist jedoch nicht zulässig; sie würde - zusammen mit ebenfalls völlig isolierten Einträgen vom Typ gewinnbringend - die gesamte Neuregelung zur Getrennt- und Zusammenschreibung widerrufen. Die Zwischenstaatliche Kommission hat Ende 1997 selbst bekanntgegeben, daß sie diese und andere Korrekturen für "unumgänglich notwendig" hält, fand jedoch bei ihren Auftraggebern, den Kultusministern, kein Gehör. Das kann sich eines Tages ändern; bis dahin müssen aber Dutzende von Einträgen wie Schwerkriegsbeschädigte (statt schwer Kriegsbeschädigte), Schwerverletzte (schwer Verletzte), Schwerkranke (schwer Kranke) als unzulässig gelten.

Der Duden führt - ebenso wie die anderen Wörterbücher - nicht alle theoretisch zulässigen Trennungen an. Das ist auch grundsätzlich gar nicht möglich, weil die Reformer bei der Silbentrennung von Fremdwörtern mit einer im Prinzip grenzenlosen Unkenntnis der Benutzer rechnen (während sie bei der Groß- und Kleinschreibung erstaunlich detaillierte Fremdsprachenkenntnisse voraussetzen). So hat der Reformer Klaus Heller, der nicht nur Geschäftsführer der Zwischenstaatlichen Kommission ist, sondern auch für Bertelsmann arbeitet, beanstandet, daß der Duden die Trennung Hämog-lobin nicht angebe. Zufällig steht sie im Bertelsmann, zu dem Heller das Geleitwort geschrieben hat. Allerdings hat gerade Bertelsmann ein eigenes Lemma Hämo... 'Blut...', wodurch die griechisch-lateinische Zusammensetzung Hämoglobin noch deutlicher erkennbar sein dürfte als durch die weiteren Zusammensetzungen Hämolyse usw. Der Duden hat also - das ist der ganze Unterschied - die von Heller verlangte Trennweise gar nicht erst in Betracht gezogen, und man sieht auch nicht recht, was mit ihr eigentlich gewonnen ist. Da die Fachleute niemals anders als Hämo-globin trennen werden, wird die Hellersche Trennung stets als minderwertig stigmatisiert sein. Dieselbe Problematik betrifft einige tausend Wörter.

Übrigens ist es in anderen Fällen gerade umgekehrt. Bertelsmann hatte zunächst, anders als der Duden, die Trennung Renek-lode nicht vorgesehen. Die Freude darüber schwand, als der stillschweigend veränderte Nachdruck erschien, der die Angleichung an den Duden brachte. Bertelsmann verzichtet auf die neue Trennung [Mixed] Pi-ckles, Duden präsentiert sie in Rotdruck. Zwar ist dem Buchstaben der Neuregelung (hier 110) damit Genüge getan, aber kein Mensch mit Verstand und Geschmack wird eine solche Trennung auch tatsächlich durchführen. Der einzig denkbare Sinn kann nur sein, daß solche unerwünschten Trennungen in der Schule nicht als Fehler angestrichen werden; dies ließe sich allerdings einfacher durch eine dienstliche Anweisung an die Lehrer erreichen. (Dasselbe gilt für die hier nicht zu diskutierende Kommasetzung: Um einer liberalen Korrekturpraxis für die Schule willen ist gleich die ganze Interpunktionstechnik um ihren Sinn gebracht worden. Es ist kein Zufall, daß die Reformer in ihren eigenen Schriften die neue Kommasetzung vollständig ignorieren.)

Der Rechtschreib-Duden führt anders als fast alle sonstigen Wörterbücher die "alten", noch bis 2005 zulässigen und in den Druckmedien ohnehin allgemein üblichen Schreibungen nicht systematisch an und kennzeichnet auch nicht alle Neuschreibungen als solche. Man liest jetzt unverrichteter Dinge/Sache, erfährt aber nicht, daß diese Ausdrücke bisher auch zusammengeschrieben werden konnten und weiterhin geschrieben werden können. Da allein selig machend rotgedruckt ist, darf man schließen, daß es früher anders geschrieben wurde - aber wie? Für die Schule ist dieses Wörterbuch damit unbrauchbar, da die Lehrer mit seiner Hilfe nicht zu einer für die Notengebung erforderlichen, gerichtsfesten Korrekturarbeit befähigt werden.

Angesichts des hohen Preises fällt die schlechte buchbinderische Qualität auf: Nach einigen Tagen intensiver Benutzung löst sich der Einband auf. Die meisten anderen Wörterbücher sind haltbarer.

Das Österreichische Wörterbuch (ÖWB)


[1]
S.o. IFB 99-1/4-046. (zurück)

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